Challengerland – Teil 1

von Oliver

Diese Science Fiction Erzählung entstand völlig spontan. Parallelen zu wahren Ereignissen sind nicht gewollt, 
aber auch nicht ausgeschlossen. Falls die Geschichte Anklang findet, oder der Autor (also ich) Lust haben sollte, 
gibt es eventuell eine Fortsetzung.

Prolog

Wir schreiben das Jahr des Herrn 2117. Wir befinden uns im ehemaligen Staatsgebiet der Schweiz. Diese existiert allerdings seit ungefähr hundert Jahren nicht mehr. Wieso? Magst du kluge*r, aufmerksame*r Leser*in jetzt fragen.

Vor hundert Jahren stritt die Schweiz sich mit einem kleinen, unscheinbaren Land an seiner Ostgrenze. Mit Liechtenstein. Grund dafür war die Frage, welches der beiden Länder die bessere Steueroase sei. Nachdem sich die beiden Kontrahenten nicht einigen konnten, sah das Fürstentum sich gezwungen einen Atomschlag gegen den westlichen Nachbarn auszuführen. Leider hatte die fürstliche Militärführung nicht beachtet, dass die Folgen dieses Angriffs auch das eigene Land betreffen würden.

Die damals abgefeuerte Kurzstreckenrakete trug den Namen «Challenger». Sie zerstörte alles Leben zwischen Genf im Westen und Vaduz im Osten, zwischen Chiasso im Süden und Schaffhausen im Norden. Alles Leben? Nein. Der Angriff fand nämlich an einem Montagabend um acht Uhr statt. In den wegen der SFL zwangsmässig mit Bleiwänden und Dächern ausgestatteten Stadien der Challenge League, überlebten alle anwesenden Menschen. Da alle Spiele aus Sicherheitsgründen auf den Montagabend verlegt worden waren, handelte es sich dabei insgesamt um etwa 800.

Diese Menschen, und ihre Nachkommen, bauten in den nächsten hundert Jahren eine neue, bessere Gesellschaft auf. Diese ist gebietsmässig völlig isoliert vom unversehrten Teil der Welt, und trägt den Namen «Challengerland», nach der heilbringenden Rakete die diese wunderbare Welt erst möglich gemacht hatte.

Die Menschen sind der SFL zu Dank verpflichtet. Dank der heiligen Schrift, dem Lizenzreglement, wurden sie gerettet. Um diese Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen, erlaubten die Menschen der weisen SFL, sämtliche Lebensbereiche nach ihren Vorstellungen umzugestalten.

Da sich durch eine wissenschaftlich kaum erklärbare atomare Reaktion eine bedrohliche, immerwährende Aschewolke über Challengerland gebildet hat, schreibt die SFL den Bewohner*innen beispielsweise vor, dass sie nur noch mit Stirnlampen mit einer Leuchtkraft von mindestens 500 Lux vor die Tür dürfen. Wer dieser Forderung nicht nachkommt, wird auf ewig im Keller des SFL Hauptsitzes, dem sogenannten Tabellenkeller, eingesperrt. Wer sich, egal wo, nicht in einen Sicherheitskonformen Klappsitz setzt, kommt ebenfalls in den Tabellenkeller. Allgemein kann man sagen, dass der Tabellenkeller die Strafe für jegliche Verstösse gegen das Lizenzreglement ist. Wird der Keller zu voll, muss jemand in den Untergrund absteigen, und wird nie mehr gesehen.

Kapitel 1

Er wacht auf. Seine mutierten Augen werfen einen grünen Lichtkreis an seine Zimmerdecke. «Scheisse», denkt er sich, «schon wieder Montag.» Er geht ins Bad seiner unterirdischen 3½-Zimmerwohnung und küsst, wie es sich gehört, auf dem Weg dorthin drei Mal sein Exemplar des Lizenzreglements der SFL. Der nette Security vor seinem Badezimmer nickt ihn daraufhin zufrieden an, während der total unmotiviert unfreundliche ihn wie immer anschnauzt: «Beine auseinander, Hände an die Wand, Arschloch auf!» Und er kommt der Forderung des muskulösen, vierarmigen, tätowierten Mannes nach, während der nette ihn zu beschwichtigen versucht, dass es sich hierbei nur um eine Stichprobe handle, und die ganze Prozedur nur seiner eigenen Sicherheit diene. Nachdem bei ihm, wie jeden Morgen, keine Waffen oder vom Lizenzreglement als gefährlich empfundene Gegenstände wie zum Beispiel Strohhalme gefunden wurden, durfte er passieren und duscht die üblichen 10 Minuten. Nach einem kleinen Plutoniumriegel zum Frühstück geht es ab zur Arbeit.

Er arbeitet für einen Konzern der neunten Stufe. Zur Erklärung: Seit der grossen Erlösung vor 100 Jahren gibt es in jeder Branche nur zehn Firmen. Diese stehen selbstverständlich in direkter Konkurrenz zueinander und Belegen am Ende eines Produktionsjahres, gemessen an ihrem jeweiligen Umsatz, einen Platz zwischen eins und zehn. Die Platzierung des Vorjahres dient jeweils als Einstufung für das darauf folgende Produktionsjahr. Es gibt allerdings keine Konzerne der Stufe zehn, da der ganze Führungsstab mitsamt der Belegschaft unwiederbringlich in den Untergrund verbannt wird. Das soll laut der grossen allwissenden SFL die Effizienz der einzelnen Betriebe erhöhen und damit die Wirtschaft von Challengerland ankurbeln. Sein Betrieb ist nach drei Vierteln des Produktionsjahres nur auf Platz zehn der eigenen Branche. Sie produzieren Klappsitze und Flutlichter, die wichtigsten Güter in Challengerland, da sie auf sämtlichen öffentlichen Plätzen stehen und laufend aufgrund von Mängeln ersetzt werden müssen.

Doch zurück zur Geschichte. Er kroch also wie jeden Morgen durch die ehemaligen Abwasserkanäle in Richtung Oberfläche. Es ist dunkel, wie immer in dieser Jahreszeit. Also immer, denn es gibt in Challengerland keine Jahreszeiten. Es ist jeden Tag dunkel, windig und nasskalt. Öffentliche Verkehrsmittel gibt es keine mehr, was nicht so tragisch ist, da man mit sechs Beinen ohnehin etwas schneller vorwärts kommt als früher. Dennoch wohnt er weit weg von seinem Betrieb, doch sein Chef und er haben einen fairen Kompromiss diesbezüglich geschlossen: Für jede Minute die er morgens zu spät kommt, darf er abends noch zwei Stunden länger arbeiten. Das findet er gut. Seine Arbeit ist alles was er abgesehen von Plutoniumriegeln, seinem Schlaf und den wöchentlichen Zeremonien hat.

Ach ja, die Zeremonien. Sie finden jeden Montag um acht Uhr abends in den alten Schutzbunkern statt, um der Grossen SFL zu danken. Sie verlaufen jeweils so, dass 22 zufällig ausgewählte Zuschauer*innen auf die grüne Fläche in der Mitte des Bunkers stehen. Sie werden ebenfalls zufällig auf beide Hälften dieser Fläche verteilt, sodass auf jeder Seite elf Menschen stehen. Nun leeren alle ihre Brieftaschen aus, und die Hälfte der Leute, auf deren Seite mehr Geld liegt, bekommt von der SFL eine Garantie, in diesem Produktionsjahr nicht in den Tabellenkeller, oder den Untergrund geschickt zu werden, unabhängig davon, was ihre Firma für einen Umsatz macht, oder welche Verstösse sie sich zuschulden kommen lassen.

Auf dem Weg zur Arbeit stellt er sich immer vor, wie er für die Zeremonie ausgewählt wird. Und wie er auf der auserwählten Seite steht. Nicht weil ihm seine Firma oder sein Leben nicht gefallen würden, nein, er ist schlichtweg ein Gewohnheitsmensch, und will nur deswegen um jeden Preis nicht in den Untergrund geschickt werden. Während er so bewusst sehr gemächlich zur Arbeit schlendert, und hofft, dass er heute Abend auserwählt würde, beginnt seine 500 Lux Stirnlampe zu flackern und geht dann ganz aus. Die Batterie ist alle….

Fortsetzung folgt, vielleicht.

Erschien im Teilzeitzine #3, Dezember 2017

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